In Antwerpen hilft Pfarrerin Petra Schipper auch während dieser Quarantänezeit den Obdachlosen.

Petra Schipper ist Diakoni epfarrerin in Antwerpen, eine einzigartige Rolle in ganz Flandern. Das Coronavirus hat Menschen, die bereits vor der Krise in Armut waren, extra hart getroffen. Petra Schipper erläutert, wie die Dienststellen optimal darauf reagieren. Sie erzählt uns auch, wie sie als Pfarrerin den Hilfsbedürftigen beisteht. Sie kümmert sich um das Zusammen-Leben der Menschen. Kirche und Gesellschaft sind hier eng miteinander verbunden.

Können Sie bitte erklären, was eine Diakoniepfarrerin ist?

Ich bin eine Diakoniepfarrerin, bisher die einzige in Flandern. Diakoniepfarrerin sein bedeutet: Ich habe keine eigene Gemeinde, aber ich arbeite ganz im Dienst des Protestantischen Sozialzentrums (PSC) Antwerpen. Vor 40 Jahren wurde das Protestantische Sozialzentrum von den protestantischen Gemeinden in Antwerpen gegründet. Das Sozialzentrum erhält immer noch Unterstützung von den protestantischen Gemeinden. Sie sind auch in der Generalversammlung und im Vorstand des PSC sowie in der Kommission Diakoniepfarrerin (mein “Gemeindekirchenrat”) vertreten.

Meine Arbeit besteht darin, Kirche und Stadt/Gesellschaft durch diakonische Präsenz zu verbinden. Das bedeutet, dass ich diakonisch an verschiedenen Orten präsent bin, an denen Menschen Hilfe bekommen oder sich begegnen (Notunterkünfte, Tafeln , Sozialzentren …). Aber ich bin auch auf der Straße ansprechbar. Ich habe ein offenes Ohr für jede und jeden. Und ich erzähle den Menschen in den Gemeinden von meinen Begegnungen. Ich komme hauptsächlich mit Menschen in Armut und Menschen mit Flüchtlingshintergrund in Kontakt.

Wie hat das Coronavirus die Dinge für die Menschen, die auf der Straße leben, verändert? Wirkt sich das Virus auch auf ihre Psyche und Spiritualität aus? Bei der Arbeit?

Die Coronakrise treibt viele Menschen tiefer in die Armut und macht es vielen Menschen unmöglich, die Hilfe zu bekommen, die sie brauchen. Flüchtlingskinder haben es noch schwerer, in der Schule mitzuhalten. Obdachlose müssen viel herumlaufen, weil sie sich nicht hinsetzen dürfen oder die Unterkunft vorübergehend geschlossen ist. In der Zwischenzeit wurden in Antwerpen viele neue Unterkünfte und Hilfen eingerichtet, und zwar von der Stadt, dem sozialen Sektor, vielen Ehrenamtlichen, Bürgern und Kirchen. Ich helfe jetzt zweimal wöchentlich in einem Obdachlosenheim einer katholischen Kirche aus. Ich sehe, dass sie sich in einer so schönen großen Kirche spontan entspannen, Kerzen anzünden, sich hinsetzen und beten … Man hat manchmal recht tiefe Gespräche mit Menschen. Ich rufe auch regelmäßig mehrere Personen an, und diese Gespräche gehen auch in die Tiefe. Es herrscht viel Kummer und Trauer. Viele haben Angst und fühlen sich allein gelassen… Die Menschen bitten mich, für sie zu beten. Sie fühlen sich weniger allein, wenn man sich um sie kümmert.

Gibt es ein Ereignis, das Sie besonders beeindruckt hat?

Im Obdachlosentreff war neulich ein Mann sehr unruhig. Anscheinend war er alkoholisiert . Er schrie laut durch die Kirche, kniete mit großen Gesten nieder, legte sich auf den Boden und urinierte sogar. Es war etwas Besonderes, zu sehen, wie wir als Team von Ehrenamtlichen dies gemeinsam bewältigen konnten. Die Mitarbeiter, die ihn schon länger kannten, näherten sich ihm respektvoll und ruhig, gaben ihm Raum und Aufmerksamkeit, während wir den anderen Obdachlosen Aufmerksamkeit schenkten, sie beruhigten (oder sie uns) und den Mitarbeitern manchmal einen aufmunternden Blick oder ein Augenzwinkern schenkten. Schließlich ließen sie ihn ins Krankenhaus bringen und die Kirche säubern. Das nächste Mal kam er wie ein sanftes Lamm, um sich zu entschuldigen und leise in der Kirchenbank zu beten. In einem solchen Moment spürt man, wie verzweifelt Menschen werden können. Es ist wichtig, dass es einen Ort gibt, an dem man zur Ruhe kommen kann. Ein Ort, wo Menschen Heimat und Geborgenheit finden. Für mich ist dies ein Ausdruck der Liebe Gottes.

Ich danke Ihnen für diesen Bericht, Petra.

Vielen Dank für Ihr Interesse.

Pfr. Petra Schipper

Ein Interview von Jean-Guillaume DeMailly am 22.04.2020

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